Johann Julius Wallbaums „Schuppichter Frosch“, Rana squamigera von 1784 – ein Kuriosum aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen, das aber auch ein Zeitalter der Fabeltiere, Irrtümer und Artefakte war

Johann Julius Wallbaums „Schuppichter Frosch“, Rana squamigera von 1784 – ein Kuriosum aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen, das aber auch ein Zeitalter der Fabeltiere, Irrtümer und Artefakte war

Von Josef Friedrich Schmidtler, München

Zusammenfassung

J.J. Wallbaum (1724 – 1799), ein Lübecker Arzt und Amateurzoologe, publizierte im Jahre 1784 im fünfen Band der Schriften der Berlinischen Gesellschaf naturforschender Freunde einen „Schuppichten Frosch“, Rana squamigera. Dieser besaß eine schmale, schuppige und dachziegelförmige Querbinde über den Rücken und ein ähnlich gestaltetes Hautstück am linken Hinterbein. Dieser Fund wurde zunächst in der Fachwelt mit Interesse begrüßt. Es handle sich um „ein Beispiel der bemerkenswerten Gestaltungen“, die die verschiedenen Gattungen der Tiere miteinander verbänden. Dabei wurde auf den Parallelfall der Eidechsen und Salamander verwiesen, wo innerhalb derselben linneischen Gattung (Lacerta) Formen mit und ohne Schuppen vorkämen (Lacepède, 1789). Erst Schneider (1799) stellte bei einer Nachuntersuchung von Wallbaums neuem Frosch fest, dass es sich bei den „Schuppen“ um abgelöste Hautreste von Reptilien aus demselben Konservierungsglas handelte, die sich fest an Rücken und Hinterbein angelegt hatten.
Wallbaum lebte und arbeitete in einem Zeitalter des ungeheuren Aufschwungs der Naturwissenschaften. Neben außergewöhnlichen Entdeckungen (z. B. dem Schnabeltier) wurden auch noch Fabeltiere (Zweibeinige Echse in Klein, 1755: Tab.), sowie verständliche Irrtümer (Larven, Männchen und Weibchen als gesonderte Arten in Laurenti, 1768), aber auch ausgesprochene Artefakte im Sinne von Fälschungen (die „Lügensteine“ von Beringer, 1726) publiziert. Wallbaum war ein akribischer Naturwissenschaftler, der durch exakte und umfangreiche Maßangaben (insbesondere auch in seiner Enzyklopädie über Schildkröten, der „Chelonographia“ von 1782) dem methodischen Fortschritt in der Systematik die Wege ebnete. Er unterließ es allerdings regelmäßig, Illustrationen zu veröffentlichen, ein Defizit, das wohl zur anfänglichen Akzeptanz seiner unglücklichen Rana squamigera beitrug. Immerhin ist es wahrscheinlich, dass sein „Schuppichter Frosch“ – ohne Schuppen – ein neotropischer „Laubfrosch“, d.h. ein Angehöriger der neuweltlichen Hylinen-Gattung Hypsiboas ist

Summary

Johann Julius Wallbaum’s „Scaly frog“, Rana squamigera of 1784 – a curiosity from the era of great discoveries, on the other hand also an era of mythical creatures, errors and artefacts: J.J. Wallbaum (1724 – 1799), a Lübeck physician and amateur zoologist, published in 1784, in the fifht volume of the Schriften der Berlinischen Gesellschaf naturforschender Freunde, a paper on a „Schuppichten Frosch“ (“Scaly frog“), Rana squamigera. Tis frog was characterized by a small and scaly ligature across the dorsum and a similar piece of skin at the left hind leg (see the photomontage in fig. 12), Tis finding was at first received by the experts with interest. It be a ”matter of remarkable creations” (Lacepède, 1789) which connect the different genera of animals. There was pointed to the parallel case in lizards and salamanders where there occurred forms with and without scales in the same Linnean genus (Lacerta). Schneider (1799) was first in a follow-up examination to discover that the “scales” were leavings of a reptile skin having attached themselves closely to the back and the hind leg. In the same jar there had been preserved amphibians and reptiles simultaneously. Wallbaum lived and worked in an era of an enormous upswing of the natural sciences. Apart from extraordinary discoveries (like Ornithorhynchus), there were published also fabulous creatures (like the two-legged lizard in Klein 1755: pl.), excusable errors (larvae, males and females described as different species like in Laurenti, 1768), but also pronounced artefacts (the “Lying stones” of Beringer, 1726). Wallbaum was a meticulous natural scientist who advanced the methodical progress of systematics by accurate and – then – extremely voluminous indications of measurements (e.g. in his encyclopedia of turtles from 1782, named “Chelonographia”). He admittedly failed to publish illustrations in general, a deficiency, which probably has contributed to the primary acceptance of his unfortunate Rana squamigera. It is now supposable that the “Scaly frog” – without scales – is a member of the western hemisphere Hylinae genus Hypsiboas.